Medienerziehung und Medienbildung

Warum der Mond manchmal rot ist -
In Margetshöchheim eignen sich schon Erstklässler den Unterrichtsstoff digital an

Fabienne weiß eine ganze Menge über die Olympiaschießanlage in München. „Ich war schon oft dort, auch hat mir mein Papa viel erzählt“, sagt die Zwölfjährige aus der Mittelschule Margetshöchheim, die im Leinacher Schützenverein aktiv ist. In Kürze wird Fabienne ein Referat über die Schießanlage halten. Dabei wird sie auf eigenes Wissen zurückgreifen, aber selbstverständlich auch die Suchmaschine Google zu Rate ziehen. Ob da wohl sehr viel drinsteht, was sie selbst noch nicht über die Anlage weiß?
Fabienne gehört zu jenen Margetshöchheimer Mittelschülern, die nicht jeden Tag, wie es das Mädchen ausdrückt, in die „Glotze“ schauen müssen. An manchen Tagen bleibt bei ihr der Computer aus. Fabienne nimmt auch gern mal ein Buch in die Hand. Oder tut „reale“ Dinge im richtigen Leben. Zum Beispiel in ihrem Schützenverein. Was oft spannender ist, als am Computer zu spielen.
Doch natürlich ist die digitale Welt aus dem Leben des Mädchens nicht wegzudenken. Wie alle ihre Klassenkameraden hat auch Fabienne ein eigenes Smartphone. Dass es niemanden in der Klasse gibt, der noch „ohne“ wäre, zeigt die heutige Kurzumfrage von Stephan Debes, Systembetreuer in der von 260 Kindern und Jugendlichen besuchten Grund- und Mittelschule. Zumindest ein Handy hat jeder der 15 Schüler, die sich soeben hinter den Rechnern in einem der beiden Computerräume niedergelassen haben. „Und wer von euch hat schon einen eigenen Computer?“ Immerhin fünf von 15 Händen schnellen nach oben. Alle anderen haben zumindest regelmäßig Zugang zum Computer von Papa oder Mama. Einige besitzen ein Tablet.
Digitaler Unterrichtsassistent
An Medienbildung kommt heute keine Schule mehr vorbei. Deshalb wurde in den letzten Jahren auch in Margetshöchheim viel in die mediale Ausstattung investiert. „Wir haben inzwischen 80 Computer für Schüler, Lehrer und die Verwaltung“, sagt Debes. Jedes Klassenzimmer hat Zugang zum Internet. Bereits im vergangenen Schuljahr waren sechs von 13 Klassenräumen mit einem interaktiven Beamer ausgestattet. Seit September hängt ein solcher Beamer in jedem Klassenzimmer. Schon in der Grundschule schätzen es die Kleinen, mit dem digitalen Unterrichtsassistenten Deutsch oder Mathematik zu üben.
Dass selbst Siebenjährige schon äußerst fit am PC sind, beweist Felix. Der Zweitklässler nutzt zu Hause regelmäßig Mamas PC: „Da spiele ich zum Beispiel ‚Angry Birds’.“ Oder ein Spiel, bei dem ein kleiner Pandabär im Mittelpunkt steht. Felix schreibt aber auch schon Mails. Gestern erst schickte er einen elektronischen Brief an die Oma weg. Die macht gerade Urlaub in Spanien: „Ich hab sie gefragt, ob sie gut angekommen ist.“ Und ob es denn in Spanien noch immer schön warm ist.
Fabiennes Klassenkamerad Kevin nutzt das Internet ganz selbstverständlich dazu, Fragen zu beantworten, die ihm in den Kopf kommen. Sei es in Bezug auf die Schule, sei es aus rein privatem Interesse. Der 13-Jährige interessiert sich beispielsweise für Astronomie. Den Mond findet er faszinierend. Viel hat er in letzter Zeit über den Mond via Internet herausgefunden: „Zum Beispiel, warum er manchmal ganz rot ist.“ Das liegt, verriet ihm das weltweite Netz, an der Sonnenbestrahlung.
Im Moment lernt der 13-Jährige, mit allen zehn Fingern am Rechner zu schreiben. Schön fände er es, wenn er in diesem Schuljahr möglichst viele Projekte per PC realisieren könnte. Zum Beispiel in Geschichte. Da wird es heuer um die Barockzeit und Ludwig XIV. gehen. Über das Barock weiß Kevin so gut wie noch gar nichts. Er ist gespannt, was er im Internet darüber alles erfährt.
Zu wenig Anrechnungsstunden
Dem Schulverband hat es die Margetshöchheimer Schule zu verdanken, dass sie so gut ausgestattet ist. Sogar zwei Infoterminals gibt es, zeigt Debes: „Da können die Schüler schauen, wann der nächste Bus geht.“ Wünschenswert wäre nun, dass der Freistaat mehr in die schulische Medienbildung investieren würde. Der Konrektor, der sich als Systembetreuer um alles rund um Rechner, interaktive Tafeln, Beamer, Lernwerkstatt und Internet kümmert und auch die schuleigene Homepage aktuell hält, hat dafür lediglich zwei Anrechnungsstunden zur Verfügung. „Das ist zu wenig“, sagt er. Ein mittelständisches Unternehmen mit der medialen Ausstattung der Margetshöchheimer Schule hätte selbstverständlich einen Systembetreuer in Vollzeit.
Stolz ist der Informatiklehrer auf das Margetshöchheimer Kollegium, das sich für die Medienbildung stark eingesetzt hat. Vor allem auch die Grundschullehrer wollen unbedingt Neue Medien einsetzen. „Durch sie bieten sich uns einfach enorm viele Möglichkeiten“, meint Sabine Oppel, die mit Hilfe des digitalen Unterrichtsassistenten heute ABC-Übungen an der interaktiven Tafel lösen lässt. Dass ihr Klassenzimmer mit Computer, Beamer und Dokumentenkamera ausgestattet ist, findet sie hervorragend. Doch damit sind noch nicht alle ihre Wünsche erfüllt: „Es wäre schön, wenn zumindest jede Tischgruppe ein Tablet zur Verfügung hätte.“ Oppel nahm kürzlich an einer Fortbildung teil, bei der es um den Einsatz selbst hergestellter Filme im Unterricht ging. Mit einem Tablet könnten solche Filmchen während der Stunde im Nu fabriziert werden. Selbst einen Comic könnte man machen - etwa aus den Buchstaben des ABC.
Wie viele Silben hat ein Wort?
Ihre Kinder aus der 2 a kennen Unterricht nicht anders als digital und interaktiv. Für sie ist es von der ersten Klasse an selbstverständlich, statt der Kreide den Stift für das Whiteboard in die Hand zu nehmen.
Gerade klettert Valeska vorne an der Tafel auf einen kleinen Plastikhocker, nimmt den Stift in die Hand und lauscht auf das Wort, das der Computer als nächstes ausspucken wird. „Roboter!“ Oh, ein ganz schön schwieriges Wort. Wie viele Silben hat es? Ro-bo-ter - na klar, drei! Valeska berührt mit dem Stift ein Soundsymbol und zieht es in die richtige Spalte; dorthin, wo alle dreisilbigen Wörter ihren Platz haben. Der Rechner gibt prompt positives Soundfeedback: Richtig, drei Silben kommen in „Roboter“ vor!
Jetzt ist Felix dran. Er sieht vor sich Symbole mit verschiedenen Buchstaben entlang des ABC. „Doch einige Buchstaben fehlen“, erklärt ihm Sabine Oppel. Felix muss nicht lange überlegen. Das "E" wurde offensichtlich vergessen. Er nimmt den digitalen Stift und schreibt den Buchstaben zwischen „D“ und „F“.
Rasche Online-Diagnose
Zu Beginn des Schuljahres werden die Computer Debes zufolge auch oft für Online-Diagnosen der einzelnen Schüler benutzt. Nach spätestens einer Dreiviertelstunde ist klar, wer welche Schwächen und Stärken in Mathe oder Deutsch hat. Entsprechend individuelle Übungen erhält der Schüler. Die Übungsaufgaben am Rechner zu lösen, mögen so gut wie alle Kinder gern, sagt der Konrektor: „Nicht zuletzt deshalb, weil sie sofort ein Feedback bekommen.“
Für die Lehrkräfte bedeutet der Einsatz der Neuen Medien laut Stephan Debes in vielerlei Hinsicht eine Erleichterung. Anschauungsmaterial muss nicht mehr mühsam gesucht, kopiert, ausgeschnitten und laminiert werden. Auch ist es viel einfacher als früher, Filme zu schauen. Die müssen nicht mehr mit langer Vorlaufzeit bestellt werden. Man sieht sie online oder per Download.
Overheadprojektoren gibt es in Margetshöchheim inzwischen fast keine mehr: „Wir haben noch zwei, falls doch noch mal ein Student mit einer Folie kommt.“ Auch Filmprojektoren haben ausgedient. Heute ersetzt ein modernes System zwei, drei oder mehr Geräte, mit denen man früher Unterricht gestaltet hat.
Nicht ganz zufrieden ist Debes mit der Technik im Schulhaus. Das Margetshöchheimer Schulgebäude wurde Ende der 1960er Jahre erbaut. Da hatte noch niemand an Computer und Internet gedacht. Die Klassenzimmer holen sich das Internet über das Stromnetz. Kein wirklich idealer Zustand. Aber irgendwann wird das Schulhaus saniert werden müssen. Dann wird sicher auch die technische Infrastruktur auf den neuesten Stand gebracht.
Pat Christ

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